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Vortrag B) Aktuelle Schadstoffproblematik Umgang mit Chroranisolen (sozialfeindliche Geruchsstoffe in Fertighäusern)

B) Chloranisol

Dr. Peter Neuling
Berlin

Zusammenfassung

Chloranisole wurden etwa vor 30 Jahren in „riechenden Weinen“ festgestellt. Der Kontaminant wurde über den Korkverschluss „eingeschleust“. Solche bereits in Flaschen abgefüllten Weine hatten dann den Makel des „Korktons“. Die Chloranisole werden durch Biomethylierung von Chlor-Phenolen gebildet, welche sich durch entsprechende Behandlung des Korkmaterials „eingeschlichen“ haben. Die Substanzklasse der Chloranisole – mehrfach chlorierte Phenyl-Methyl-Äther- sind geruchlich höchst auffällige Verbindungen, deren Eigengeruch als muffig-schimmelig beschrieben wird. Neuerdings stehen sie vehement im Fokus, da sie sehr häufig in Fertighäusern mit Baujahren bis zu 1985 wahrgenommen werden. Um die Durchschnittskonzentrationen der geruchsstärksten Chloranisole zu ermitteln, hat sich besonders das Labor IfAU in Oberursel verdient gemacht. Hier wurden aus speziell untersuchten Häuserkollektiven (klassisch gebauten Häusern aus Stein und Fertighäuser aus überwiegend Holzmaterial) die jeweiligen Raumluft-Konzentrationen ermittelt. In einem cleveren Laborversuch mit reinen Chloranisol-Kristallen wurden über selektive Geruchswahrnehmungen Geruchsschwellen ermittelt. Über die ermittelten Messbefunde wurden die ersten Orientierungswerte berechnet. Als Orientierungswerte-Paar OW1und OW2 haben sich insoweit (jeweils in der Einheit [ng/m³]) für TCA 0,05 und 0,30, für TeCA 4,1 und 91 und für PCA 14 und 34 ergeben. Über die Summe aller Quotienten -Konzentration zu Geruchsschwelle- wurden sog. Geruchswerte ermittelt.

Bei einer Komplett-Sanierung von Fertighäusern mit Chloranisol-Geruch sind in den meisten Fällen die Materialien in den Hohlräumen der Außenwände zu sanieren, und hier das Holzständerwerk mit Alkalien bzw. kompletter Beseitigung und Substitution der Isolierstoffe in den Holzständerwerken. Des Weiteren ist zumeist das Dachstuhl-Gehölz mit PCP imprägniert. Hier genügt ggf. eine Kapselung mit einer Alu-kaschierten Tapete. Gesamt-Sanierungskosten liegen bei rund 150 -175.000 € netto;

Eine Kapselung der Chloranisol-Gerüche mit Alu-kaschierter Tapete plus Kapselung des PCP-imprägnierten Dachstuhlgehölzes hingegen bei rund 35.000 € netto.

1. Einleitung

Erste Kenntnisse über die Existenz von Chloranisolen stammen aus der Lebensmittelbranche, genau der Weinbranche. Hier gab es bei manchen Weinabfüllungen oder länger gelagerten Weinen den als Geschmacks- und Geruchsnote als schimmelig-muffig empfundenen sog. „Korkton“. Herausgefunden wurde schließlich, dass mit diesem Korkton ganz bestimmte chemische Substanzen in Verbindung zu bringen waren – nämlich die Substanzklasse der Chloranisole.[1] Derselbe Geruch wurde dann – immer häufiger - auch in Fertighäusern registriert, und zwar in solchen, welche etwa bis Ende der 70iger Jahre errichtet worden waren. Dem Geruchs-Phänomen nachgehend, wurde realisiert, dass diese Häuser in überwiegender Weise aus Naturholz und Spanplatten hergestellt worden waren. Um sie gegen Schimmel- und Schwamm-Befall zu schützen, wurden insbesondere die sog. Holzständerwerke und Dachstühle mit Holzschutzmitteln behandelt – darunter in überwiegender Weise mit dem Wirkstoff Pentachlorphenol. So konnte z.B. für OKAL-Häuser ein Dokument gefunden werden, in dem versichert worden war, dass das Holz der Ständerwerke mit Pentachlorphenol behandelt worden wäre und damit absolut sicherer Schimmel- und Schwamm-Schutz bestünde (Bild 1). Die Markt-Bezeichnung dieses Holzschutzmittels war das später berüchtigte „Xylamon“. Dieses enthielt bis 1978 das PCP zu 6 %, das Lindan zu 0,6 % und Chlornaphthaline zu 10 %.[2]

 

Tabelle 1: Holzschutzmittelprodukte mit anteiliger Wirkstoffzusammensetzung

Name des Präparates

Zusammensetzung

 

Gehalte in [%]

Xylamon-Echtbraun

5,4 PCP / 0,5 Lindan / 10 Chlornaphthalin

Xylamon-Braun

5,4 PCP / 2,0 Carbamat / 10 Chlornaphthalin

Xyladecor

5,0 T-/PCP-Gemisch / 0,55 Lindan / 0,4 Dichlofluanid

Xyladecor 200 (ab 1978)

1,0 Furmecyclox / 0,4 Lindan / 0,6 Dichlofluanid

Xyladecor 200 (ab 1984)

1,0 Furmecyclox / 0,4 Lindan / 0,1 Permethrin

Die wichtigsten Chloranisole und ihre Abkürzungen sind aufgeführt in (Abb. 1)

 

Wichtige Chloranisole und ihre Abkürzungen

 

2,4,6-Trichloranisol: TCA
2,3,6- Trichloranisol: 2,3,6-TCA
2,3,4- Trichloranisol: 2,3,4-TCA
2,3,4,6-Tetrachloranisol: TeCA
2,3,4,5,6-Pentachloranisol: PCA

 

2. Die Substanzklasse der Chloranisole und deren Entstehung

Seit etwa drei Jahrzehnten ist der „Verursacher“ der „muffig-schimmeligen“ Gerüche in Fertighäusern bekannt: Es ist die Substanzklasse der Chloranisole, und in der Hauptsache ist es das schon in geringsten Konzentrationen riechbare 2,4,6-Trichloranisol (TCA). Diese und noch andere Kongenere entstehen in einer Sekundärreaktion, einer sog. „mikrobiellen Methylierung“ – im Falle der Fertighäuser an dort eingebrachten Chlorphenolen und Chlorbenzolen. Aus der OH-Gruppe am Benzolkern wird eine –O-CH3-Gruppe, dem charakteristischen Substituenten bei den Chloranisolen (Abb. 1). Beteiligt an dieser chemischen Reaktion sind maßgeblich Schimmelpilze der Gattung Penicillium und Trichoderma bzw. eine Pseudomonas-Bakterienart.[3]

Die Schimmelpilz-Gattung Trichoderma hat eine weite Verbreitung im Boden, Pflanzenmaterial, in abgestorbenen Pflanzenteilen und auf Holz, ist also sehr ubiquitär verteilt. Die besten Wachstumstemperaturen liegen zwischen 0°C und 37°C mit einem Optimum bei 20-28°C. Im Innenraum können Trichoderma-Spezies auf zellulosereichen Materialien wie feuchtem Papier, Tapete, Gipskartonplatten aber auch auf Putz, Fliesen und Silikondichtmassen sowie Spanplatten und Isoliermaterialien gefunden werden [3]

Pseudomonas ist eine Gattung von gramnegativen Gammaproteobakterien, die zur Familie der Pseudomonadaceae gehören und 191 gültig beschriebene Arten enthalten. Die Mitglieder der Gattung weisen eine große metabolische Diversität auf und sind folglich in der Lage, eine Vielzahl von Nischen zu besiedeln. Siehe zur Beschreibung des Begriffs „gramnegativ“.[4]

Unter „metabolischer Diversität“ – aus dem Griechischen mit „Stoffwechsel“ übersetzt – werden die gesamten chemischen und physikalischen Vorgänge der Umwandlung chemischer Stoffe bzw. Substrate (z. B. Nahrungsmittel und Sauerstoff) in Zwischenprodukte (Metaboliten) und Endprodukte im Organismus von Lebewesen bezeichnet. Diese biochemischen Vorgänge dienen dem Aufbau, dem Abbau und dem Ersatz bzw. Erhalt der Körpersubstanz (Baustoffwechsel) sowie der Energiegewinnung für energieverbrauchende Aktivitäten (Energiestoffwechsel) und damit der Aufrechterhaltung der Körperfunktionen und damit des Lebens. Werden von außen aufgenommene, fremde Stoffe umgesetzt, so spricht man auch von Fremdstoffmetabolismus. Der Umbau organismenfremder Stoffe in organismeneigene Stoffe wird Assimilation genannt. Das Gegenteil ist die Dissimilation (Abbau organismuseigener Stoffe). Zum Stoffwechsel gehört auch die Umwandlung schädlicher Stoffe in ausscheidbare Stoffe (Biotransformation).[4]

Unter dem Aspekt, dass Pentachlorphenol sowohl sehr wirkungsvolle fungizide als auch bakterizide Eigenschaften hat und dass z.B. die Pseudomonas extrem keimresistent sind, ist zu verstehen, dass diese Pilzgattung das PCP gut metabolisieren kann. Bleibt die Frage, wie gelangt diese Pilzgattung z.B. an die Holzständerwerke in Fertighäusern. Es ist zu vermuten, dass durch die steten Wechsel von barometrischem Luftdruck, relativer Luftfeuchte und zeitweiligen Temperaturunterschieden jeweils im Aufenthaltsbereich der (imprägnierten) Holzständerwerke entsprechende mit Pseudomonas und anderen Pilzgattungen befrachtete Außenluft an Ort und Stelle getragen wird.

3. Eigenschaften der Chloranisole

Der Wein wird durch die Chloranisole ungenießbar, aber nicht giftig. Das Fertighaus und dessen Bewohner dagegen werden durch die gleiche Substanzklasse geruchlich hochgradig –und ggf. mit Konsequenzen –belastet. Die geruchlich abstoßenden Konzentrationen sind zwar gesundheitlich als nicht toxisch abgeleitet worden, aber sie enthalten offensichtlich eine „soziale Toxizität“. Die Chloranisol-Gerüche kontaminieren Haut, Haare und Kleidung nämlich derart abstoßend, dass die Gefahr einer sozialen und ggf. beruflichen Ausgrenzung zu befürchten ist und in Vereinsamung enden könnte.[3]

Insoweit ist beim Erwerb eines Fertighauses die sachverständige Begehung und Probenahme/Analytik ein nahezu unerlässliches Gebot.

In Reinsubstanz sind Chloranisole bei Raumtemperatur fest. Der Schmelzpunkt von z.B. TCA liegt bei 60° C, der Siedepunkt bei rund 240° C [3]

4. Ermittlung von Geruchsschwellen

Bis vor etwa 15 Jahren konnten keine Geruchsschwellen für Chloranisole in der Raumluft (also in der Gasphase) der Literatur entnommen werden. Zum damaligen Zeitpunkt wurde von den schon erwähnten Laboratorien IfAU und ARGUK in nachfolgend beschriebener Weise die ersten Geruchsschwellen für die geruchsintensivsten Verbindungen Trichloranisol (TCA), Tetrachloranisol (TeCA) und Pentachloranisol (PCA) in erster Annäherung bestimmt.[3] Dazu wurden einige Chloranisol-Kristalle auf einer Porzellanschale im Laboratorium ausgelegt, solange bis im Raum der entsprechend charakteristisch schimmelig-muffige Geruch wahrnehmbar war. Nach Entfernen der Quelle wurde die Raumluft beprobt, und diese Beprobung wurde an weiteren Folgetagen wiederholt. Als Geruchsschwelle wurde der Zeitpunkt bestimmt, an dem vom Laborpersonal-Kollektiv (mindestens 2 Personen) ein Geruch gerade eben noch wahrgenommen wurde.[3]

Aus diesen Laborversuchen resultierten folgende Geruchsschwellen (in erster Annäherung): Für TCA (das geruchsintensivste Chloranisol) wurde eine Geruchsschwelle von 2 ng/m³ definiert, für TeCA etwa 100 ng/m³.[3]

5. Konzentrationen in Fertighäusern

Nach Ermittlung der Geruchsschwellen folgten die praktischen analytischen Bestimmungen der Substanzklasse in Häuser. Das Gesamt-Häuserkollektiv bestand dabei aus 41 Häusern, davon ein Teil-Kollektiv aus 7 Fertighäusern (Holzständerwerk) und ein Teilkollektiv aus 34 Nicht-Fertighäusern (klassische Bauweise).

Bei der Betrachtung des Gesamtkollektivs fiel auf, dass die untersuchten Chloranisole TCA, TeCA und PCA in stark unterschiedlichen Konzentrationen vorkamen (Bestimmungsgrenze 0,1 ng/m³). Dabei war die Konzentration von TeCA am höchsten und in 36 (88 %) Häusern mit bis zu 740 ng/m³ nachweisbar. Das TCA in 13 Häuser (32 %) mit bis zu 25 ng/m³ nachweisbar. Das PCA schließlich war in allen Häusern des Kollektivs nachweisbar (100%), und zwar mit Konzentrationen bis zu 75 ng/m³.[3]

Tabelle 2: Vorkommen von Chloranisolen in der Raumluft von Fertighäusern, n = 300 [3]

Bezeichnung

Spannweite

Mittelwert

50.Perzentil

90. Perzentil

TCA

< 0,3 - 76

3,8

1,6

8,1

TeCA

< 0,3 - 1500

95

37

240

PCA

< 0,3 - 759

22

8,1

38

Geruchswert

< 0,3 - 53

2,8

1,3

6,5

Achtung: Die jeweils analysierten (unterschiedlichen) Konzentrationen sind nicht identisch mit den definierten Geruchsschwellen.

Die untersuchten Chloranisole treten üblicherweise in der Innenraumluft in einem Gemisch von zwei bis drei Substanzen auf. Die Wahrnehmung hängt sodann mit drei Kriterien zusammen: 1) der Raumluftkonzentration der Einzelstoffe, 2) den Geruchsschwellen der Einzelstoffe und 3) dem Geruchswert (Erklärung später). Die Geruchsschwelle von TCA besitzt nach den Messungen von IfAU und ARGUK mit 2 ng/m³ die niedrigste Geruchschwelle aller untersuchten Chloranisole. Das TeCA folgt mit 100 ng/m³. Für PCA wurde die Geruchsschwelle bei etwa dem 100.000-fachen von TCA ermittelt und fiel bei den Geruchswahrnehmungen insofern nicht ins Gewicht.[3]

Die statistische Auswertung der Chloranisol-Konzentrationen in den beiden Haus-Kollektiven a) in Fertigbauweise bzw. b) in klassischer Bauweise ergab eine eindeutig höhere Chloranisol-Konzentration für Kollektiv a). So wurde für TCA im Kollektiv a) ein Mittelwert von 7,3 ng/m³ und vergleichsweise beim Kollektiv b) für TCA ein Mittelwert von 0,15 ng/m³ analysiert. Beim TeCA verhielten sich die Mittelwerte von Kollektiv a) zu Kollektiv b) wie 180 ng/m³ zu 23 ng/m³.[3]

Fazit: Die zitierten Konzentrationen mögen in der Kürze der Wiedergabe etwas „unübersichtlich“ sein, sie zeigen aber, dass die Untersuchung auf Chloranisole in Fertighäusern zu sehr eindeutigen Ergebnissen und Nachweisen führt.

6. Zum Geruchswert GW

Über den Geruchswert – ganz allgemein – wurde von IfAU referiert.[3] Der Geruchswert (GW) eines Gemisches in einer homologen Reihe von Substanzen aus einer Substanzklasse gibt an, ob und inwieweit das Gemisch in der Raumluft geruchlich wahrgenommen wird. Dabei müssen die Einzelstoffe nicht unbedingt die Geruchsschwelle überschritten haben. Berechnet wird der GW durch die Summierung der Quotienten aus gemessener Raumluft-Konzentration dividiert durch die Geruchsschwelle. Bei einem Geruchswert größer 1 kann die Mischung gerochen werden. Für ähnliche Substanzen – in der vorgenannten Substanzklasse – kann diese Annahme als gesichert gelten.

7. Orientierungswerte für Chloranisole

Die bei IfAU abgeleiteten Orientierungswerte (OW) für Einzel-Chloranisole beruhen noch immer auf Pionierarbeit. Die OW´s sind statistisch – nicht aber toxikologisch – abgeleitet und insoweit zunächst rein unter dem Aspekt der Gesundheitsvorsorge zu sehen. Das Auftreten von gesundheitlichen Beschwerden sollte - in diesem Ermittlungsstadium – nicht mit der Überschreitung eines OW in Zusammenhang gebracht werden.[3]

Der IfAU-OW 1-Wert besagt, dass dieser Richtwert in etwa dem 50. Perzentil einer statistischen Untersuchung entspricht: Das heißt, dass 50 % aller zur Verfügung stehenden Proben (aus geruchlich auffälligen Fertighäusern) den 50. Perzentilwert nicht überschritten haben. Ein Messwert in dieser Größenordnung kann als normal eingestuft werden.

Der IfAU-OW 2-Wert besagt, dass 90 % aller untersuchten Proben diesen Wert unterschritten haben bzw. dass nur 10 % aller Werte über diesen errechneten statistischen Wert liegen. Messwerte über diesem Wert können als auffällig betrachtet werden.

Für die in Tabelle 3 gelisteten Werte wurde ausschließlich das „Gesamtkollektiv ohne Fertighäuser“ herangezogen, Die Werte entsprechen der sog. Normalsituation in Innenräumen.

Tabelle 3: IfAU-Orientierungswerte für Chloranisole in der Raumluft.

Verbindung

IfAU-Orientierungswert

OW 1

IfAU-Orientierungswert

OW 2

Geruchs-
schwelle

Geruchs-
wert*

TCA

0,05

0,30

2

0,15

TeCA

4,1

91

100

0,91

PCA

14

34

200.000

0,00017

Der Tabelle ist entnehmbar, dass bei Auftreten des Choranisol-Paares TCA und TeCA mit Werten jeweils über dem OW 2 auch der Geruchswert von 1 überschritten und die Mischung geruchsaktiv sein sollte.

Die vorgenannten Ausführungen sollten dazu beitragen, einen kleinen Einblick in den Chemismus und die Schwierigkeit der Behandlung von Gerüchen zu bekommen – insbesondere einen Einblick in den Aufwand für die Plausibilität und die Reproduzierbarkeit für eine Vielzahl von Raumluftuntersuchungen.

8. Ein reales Beispiel aus 2017

Eine Typische Geschichte: Es geht um den Verkauf/Kauf eines Fertighauses aus den 70iger Jahren. Das Haus war zum Zeitpunkt des Verkaufes rund 40 Jahre alt. Es war auf den ersten Blick ein Haus zum Verlieben (Bild 2). Die Käufer berichteten, dass dann, wenn sie das Haus besichtigen wollten, immer Türen und Fenster geöffnet waren. Die Käufer wunderten sich – aber es war Sommer. Auch baten die Verkäufer die Käufer immer schnell in den Garten, um Fragen zu klären. Hin und wieder fiele ein muffiger Geruch beim Durchschreiten der Wohnung raus zur Terrasse auf, der aber wurde dem hohen Alter der Verkäufer unterstellt. Für 450.000€ schließlich wechselte das Haus die Eigentümer.

Als wir gerufen worden waren, war über die Käuferfamilie das gesamte Ausmaß der „geruchlichen Katastrophe“ hereingebrochen: Schon kurz nach Einzug entfaltete sich der charakteristische Geruch der Chloranisole in vollem Ausmaß und „kontaminierte sowohl die Raumluft als auch die Kleidungsstücke und Stoffmöbel“.

Nachfolgend wird die Vorgehensweise, wie wir den Quellen von PCP und den Quellen der Chloranisole auf die Spur gekommen waren, beschrieben:

8.1 Eigene Raumluftmessungen

Auf Basis der voran gegangenen Ausführungen wurde der Geruchswert ermittelt

Dazu wurden 4 Liter Luft auf ein Adsorbens, das sog. „TENAX“ gezogen und diese Probe mittels GC/MS-Technik analysiert. Siehe Tabelle 4.

Tabelle 4: Ergebnisse eigener Untersuchungen

 

Befund

Befund

Geruchs-

Geruchswert* =

Geruchswert* =

 

 

 Stoff

Raum

Wand

schwelle

Befund. / Ger.Schw.

Befund. / Ger.Schw.

OW1

OW2

 

[ng/m³]

[ng/m³]

[ng/m³]

Raum.

Wand.

 

 

Trichloranisol

8

72

2

8 / 2 = 4

72 / 2 = 36

0,05

0,30

Tetrachloranisol

87

1.390

100

87 / 100 = 0,87

1.390 / 100 = 13,9

4,1

9,1

Ges. Geruchswert*

     

4,87

49,9

 

 

 

         

 

 

Der kritische Geruchswert von 1 war im Objekt an den beiden Probenahmepositionen, d.h. in der Raumluft im Wohnzimmer mit 4,87 bzw. im Hohlraum der Gebäudewand mit 49,9 sogar erheblich überschritten. Zur Untersuchung im Gebäudehohlraum, s. (Bild 3).

 

8.2 Untersuchung im Hausstaub

 

Im selben Raum in dem die Raumluftprobe gezogen worden war, wurde auch eine Hausstaubprobe (Altstaub) entnommen. Deren Untersuchung auf PCP ergab eine Konzentration von 1,3 mg/kg. Der Orientierungswert liegt bei 5 mg/kg gemäß PCP-Richtlinie.[5]

8.3 Untersuchung von HSM im Dachstuhl

Ein nächster kritischer Bereich mit Verdacht auf typische Holzschutzmittel – auch hier PCP – war der Dachstuhl (Bild. 4).

Hier wurden Proben an verschiedenen Stellen mittels Stechbeitel gewonnen und zu einer Mischprobe zusammengefasst. Der Untersuchungsumfang entsprach dem der Zusammensetzung von Xylamon bis 1978, nämlich PCP, Lindan und Chlornaphtalinen. Gefunden wurden 110 mg PCP/kg bzw. 9,8 mg Lindan/kg. Gemäß PCP-Richtlinie wären 50 mg PCP/kg Holz zulässig.[5]

Als weiteres Kriterium für den Tatbestand einer PCP-Belastung mit > 50 mg/kg (gefunden 110 mg/kg) war das Verhältnis von Holzfläche zu Raumvolumen zu errechnen.[5] Die mit PCP-belastete Holzfläche wurde mit 150 m² errechnet, das Raum Volumen mit 170 m³. Der resultierende Quotient betrug 150/170 = 0,91/m. Als Richtwert gilt 0,2/m und damit war auch das Fläche/Volumen-Kriterium deutlich überschritten. Fazit: Das Haus entpuppte sich als Sanierungsfall, denn die dort existierenden Gerüche hatten einerseits den Charakter der schon genannten sozialen Toxizität und andererseits eine nicht zu unterschätzende PCP-Belastung.

9. Möglichkeiten der Sanierung und deren Kosten

9.1 Durch Kapselung der Chloranisolgerüche

Valutect ist z.B. einer der Hersteller von Aluminium-kaschierten Tapeten. Bei Annahme der Anbringung einer solchen Tapete an alle Innenraumwände, hinter denen sich ein Holzständerwerk befindet, wäre eine Kostennote von 25- 30.000 € netto anzusetzen.

Fazit: Kostengünstig, aber der Kontaminations-Zustand bliebe erhalten. Des Weiteren besteht keine 100%ige Sicherheit, dass nicht durch Ritzen, Spalten, Fugen, Steckdosen, ggf. nach dem Setzen eines Dübels in die Wand doch noch Chloranissol-Substanzen in die Raumluft gelangen. Sollte der Dachstuhl zu Wohnzwecken genutzt werden, wären hier die PCP-ausdünstenden Holzteile zu isolieren.

9.2 Durch Komplettsanierung

Eine Komplettsanierung betrifft in den meisten Fällen zwei Vorgehensweisen.

9.2.1 Sanierung der Holzständerwerke

Es sollte zunächst geprüft werden ob und inwieweit das Fertighaus ggf. von außen mit einer Asbestzementfassade eingehaust ist. Wenn JA, dann ziemt es sich, die Sanierung von außen zu gestalten. Die Gebäudeaußenwände werden abgenommen. Sodann liegen die Rahmen des Ständerwerke frei. Üblicherweise sind diese mit KMF-Isoliermaterial ausgefacht. Und genau in diesem Baubereich, nämlich Ständerwerk und KMF, „geschehen“ die Biomethylierungen: Aus den PCP-imprägnierten Holzständerwerken diffundieren gasförmige PCP-Moleküle auf die riesengroße Oberfläche der Künstlichen-Mineral-Faser-Isolierungen und hier, in diesem Milieu finden die entsprechenden Bakterien- und Schimmelgattungen sozusagen ihre Nahrung für die metabolische Derivatisung vom PCP zu den Chloranisolen.. Fazit: Das PCP in den Holzständerwerken muss mittels Alkalien zu PCP-Salz umgebaut werden und die Chloranisol behafteten KMF –Ausfachungen müssen sehr sorgfältig beseitigt und ersetzt werden. Zu prüfen wäre noch, ob und inwieweit die Press-Spanplatten in Richtung Wohnräume ggf. auch behandelt oder bedarfsweise ausgetauscht werden müssen (Bild 5).

9.2.2 Sanierung des Dachstuhls

Hier entscheiden die PCP-Konzentration im Hausstaub bzw. die resultierende Maßzahl aus dem Quotienten Dachstuhlgrundfläche zu Dachstuhlrauminhalt die weitere Vorgehensweise. Gegebenenfalls reicht eine Kapselung der PCP-Imprägnierung mittels eines Anstrichs oder abdichtenden Tapete. Kosten für eine Komplettsanierung (inkl. Dachstuhl) liegen zur Zeit bei rund 150 -175.000 € netto.

Literatur

[1] C. Fischer, U. Fischer (1997): Analysis of cork taint in wine and cork material at olfactory subthreshold levels by solid phase microextraction. Journal of Agricultural and Food Chemistry, 45(6):1995-1997
[2] G. Zwiener: Handbuch Gebäude-Schadstoffe für Architekten und Behörden, VG Rudolf Müller, 1997, ISBN: 3481011768
[3] M. Binder, H. Obenland und W. Maraun: „Chloranisole als Verursacher von schimmelähnlichem Geruch in älteren Fertighäusern“, Ergebnisse des 7. Fachkongresses der Arbeitsgemeinschaft Ökologischer Forschungsinstitute, AGÖF-Tagungsband 2004: S. 112-121 (mit Stand 09.2015: „https://www.agoef.de/schadstoffe/chemische-schadstoffe/chloranisole.html“)
[4] H. Fiedler et al (1996): Stoffbericht Pentachlorphenol (PCP). Texte und Berichte zur Altlastenbearbeitung 25/96, Landesanstalt für Umweltschutz Baden-Württemberg, Karlsruhe (Download als PDF-Datei: „https://www4.lubw.baden-wuerttemberg.de/servlet/is/16784/stoffbericht_pcp.pdf?command=downloadContent&filename=stoffbericht_pcp.pdf“)
[5] PCP-Richtlinie: Richtlinie für die Bewertung und Sanierung Pentachlorphenol (PCP)-belasteter Baustoffe und Bauteile in Gebäuden, Fassung Oktober 1996
[6] P. Neuling: Auszüge aus diversen Gerichtsgutachten zu Beweis­sicherungs­aufträgen (geschwärzt, bzw. verschlüsselt), abzufragen über 0172 326 39 56

 

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